Von der Kürfürstlichen Sauhatz am Neckar, den prunkvollen Festen Karl Theodors und dem ersten Mannheimer Fasnachtszug.
Wien, wie es weint und lacht, Alt-Berliner Bilderbogen, fröhliches herziges München von Anno Tobak es gibt so viele lustige und schmeichelhafte Kupferstiche von den Vergnügungen unserer Urgroßeltern, Blicke in prächtige Ballsäle, wo majestätische Krinolinen und flotte Frack-Schwalbenschwänze sich zum himmelblauen Donauwellen-Walzer drehen, oder von noch früherer Zeit, als es die zierlichen knisternden Reifröcke des Rokoko gab und die seidenen Eskarpins der degengeschmückten Kavaliere.
Als man die Glatze noch nicht auf Hunderten von interessanten Männerschädeln entdeckte hatte, da eine weiß gepuderte Perücke den Schwund einst eitel gepflegter Locken verdeckte, so um die Zeit eines Friedrich des Großen oder eines Ludwig XVI. Wie haben diese Feste die Phantasie der Künstler beschwingt und befeuert, ob es nun Redouten (alt. Maskenbälle) oder Faschingsbälle, Hofjagden, Schäferspiele oder prunkvolle Illuminationen von herrlich, statuengeschmückten Schlossgärten á la Versailles waren.
U
nsere Stadt aber als Residenz der Kurfürsten von der Pfalz, in dem ein so glänzender, schöpferischer Fürst wie Karl Theodor drei Jahrzehnte residiert hat und ein rauschendes Fest das andere ablöste, eine Stadt, die für Maler, Bildhauer, Baumeister, Musiker und Gelehrte zu pfälzischem Florenz wurde, besitzt fast keine Bilder von Lustbarkeiten vergangener Tage.
Dem Verfasser (leider unbekannt) dieser Zeilen vom 23. Febr. 1936 in der „Neuen Mannheimer Zeitung“, der mit Argusaugen die weiten Säle und Korridore unseres schätze reichen Schlossmuseums durchwanderte, fiel nur ein halbes Dutzend Kupferstiche und ziemlich verblasster Aquarelle in die Hände, auf denen sich das festliche Leben Alt-Mannheims widerspiegelte.
Und die erzählen eigentlich auch nur vom Amüsement der „allerhöchsten Herrschafter“, den Distraktionen“ des kurfürstlichen Hofes. Von volkstümlichen Bräuchen, von Festen, die für unsere Stadt eigentümlich gewesen wären, berichten sie nichts.
Der berühmte Küferschlag, der auf dem zugefrorenen Rhein in einem bannig kalten Winter stattfand, hat keinen Niederschlag im Skizzenbuch oder auf der Leinwand eines Malers gefunden. Nur das Fass selbst ist noch da, steht dickbäuchig-bürgerlich behäbig in einem Saal des Schlosses, den allerhand knorrige Wirtshausschilder sehr dionysisch schmücken.
Am 20. Februar 1740 wurde es gezimmert, als „Churfürst Carl Philipp“ die edle Pfalz regierte und seiner Lande Pracht in „Frid und Ruh“ besaß.
Aber das ist auch fast der einzige Zeuge altbürgerlichen Humors und Alt-Mannheimer Lebensfreude, den wir heute noch grüßen können. Man muss schon ein ganzes Jahrhundert überspringen, um wenigstens Spuren vom ersten Fasching bei uns aufzustöbern.
Aber, bleiben wir doch noch im galanten Zeitalter …
Da schildert ein verblichenes Gemälde, dass einst mit frischen Wasserfarben bedeckt war, eine mit einem großen Aufgebot von Jägern und Treibern betriebene Lustjagd auf Wildschweine, die drüben, jenseits des wuchtigen Schlosses, auf der anderen Seite des Rheines, dort wo heute der Ludwigshafener Brückenkopf liegt, ablief.
Kurfürst Karl Philipp von der Pfalz hatte sie man schrieb das Jahr 1788 zu Ehren seines Gastes, des Erzbischofs und Kurfürsten zu Köln, veranstaltet. Dass diese Jagd nicht nur ein prächtiges Schauspiel, sondern auch ein gesellschaftliches Ereignis für die Mannheimer Hofkreise bedeutete, beweist die stattliche Publikumsmenge, die den Weg dieses Kesseltreibens auf die armen, toll gehetzten Schwarzkittel umsäumten.
Vergnügungen solcher Art waren keine Besonderheit des Mannheimer Hofes. Man findet sie in den meisten Residenzen des 18. Jahrhunderts, oft noch in vergrößertem Maße. Diese Parforcejagden auf ganze Rudel von Wild aller Art, die den hohen Herren in enge Einfriedungen zwischen bemalten Leinwandkulissen vor die Flinten getrieben wurden, hatten mit persönlicher Gewandtheit, mit Mut und edlem Weidwerk verdammt wenig zu tun. Diese Treibjagd, spielte sich sogar zum Teil im Wasser des Rheines ab. Die Tiere wurden ins Wasser gejagt und beim verzweifelten Kampf mit der Gewalt der Strömung knallten sie die fürstlichen Schützen, die mit ihren Damen auf festlich geschmückten Booten standen, brutal zusammen. Aber damals fand „man“ es amüsant.
Kostspielige Feste waren in jenen Jahren, da in Preußen der große Friedrich sich seiner Feinde erwehren musste, an der Tagesordnung. Wie Collini, der Sekretär der kurfürstlichen Akademie der Wissenschaften, schreibt, gab es in Mannheim „Jagden, Opern, französisches Schauspiel, Musikaufführungen durch die ersten Virtuosen Europas“. Kurz, die kurfürstliche Residenz war der angenehmste Aufenthalt von der Welt.
In Schwetzingen, dem pfälzischen Versailles, wurden prunkvolle Bälle abgehalten. Man huldigte aus dem Vollen dem Lebensgenuss. Aber die Rechnung für all diese „Divertissements“ bezahlte, wie in dem Buch „Mannheim in der Vergangenheit und Gegenwart“ berichtet wird, nicht die kurfürstliche Hofschatulle, sondern das Land durch seine Steuern und Frondienste.
Soweit das Säkulum des Rokoko. Es kannte keine volkstümlichen Bräuche in dieser jungen Stadt. Man musste fast hundert Jahre warten, ehe der bisher sehr zaghafte Mannheimer Fasching durch einen lustigen Maskenzug neue Impulse empfing und sich zu einem Karneval entwickelte, der nicht das Privileg einer bestimmten Gesellschaftsklasse war, sondern der ganzen Bevölkerung gehörte und Freude schenkte.
Der dritte Kanzler des neuen Deutschen Reiches, Fürst Chlodwig zu Hohenlohe, gedenkt in seinen Lebenserinnerungen dieses ersten Mannheimer Karnevalszuges, den er als Heidelberger Student gemeinsam mit zahlreichen Kommilitonen besuchte.
Am 2. März 1840 notiert er in sein Tagebuch: „Gestern war hier ein wahrhaft prachtvoller Maskenzug, ein Jagdzug von den frühesten Zeiten deutscher Geschichte an bis auf die neueste Zeit. Prächtige Kleidung, hundert Hauptpersonen und viel Train. Es waren die hiesigen Herren Offiziere u.a. die das mit großer historischer Treue und vielem Aufwand aufführten“. Dieser „St. Hubertus und seinen Gesellen“ betitelte närrische Aufmarsch, mit dem Mannheim sich in die Reihen des seit den 30er Jahren wiedererwachten rheinischen Karnevals eingliederte, fand so lebhaften Beifall unter der Bevölkerung, dass er am nächsten Tag wiederholt wurde.
Alle Teilnehmer begaben sich sodann ins Theater und zogen vom Konzertsaal über die Bühne ins Parkett. Die Idee der Vereinigung sämtliche Theaterräume zu einem großen Ballsaal, die wahrscheinlich bei dieser Gelegenheit erörtert wurde, fand ein Jahr später ihre erste glänzende Verwirklichung. Viele Jahrzehnte hindurch war der Große Fastnachtball im Hoftheater das Ereignis der Mannheimer Faschingssaison.
1839 war die Gesellschaft „Räuberhöhle“ die die Pflege feuchtfröhlicher Geselligkeit aufs Panier geschrieben hatte, gegründet worden. Sie war auch die Trägerin unseres ersten Mannheimer Karnevalszuges. Der Kostümzug von 1841 übertraf an Pracht und Größe bei weitem seinen Vorgänger. Ihm lag als Motto die Hochzeit des Kaisers Friedrich II. mit Isabelle von England, die im Juli 1280 in Worms stattgefunden hatte, zugrunde.
Wieder war die „Räuberhöhle“ Veranstalterin des Zuges, wirkten die Mannheimer Bürgerschaft, Offiziere und Adlige mit. In diesen beiden Jahren des jungen Mannheimer Karnevals erschien auch die altpfälzische Stadtgarde, die man auch „Honneur oder Ranzengarde“ nannte, auf dem Felde des närrischen Treibens, bezog auf dem Paradeplatz ein Biwak und trug wacker das Ihrige zum allgemeinen Mummenschanz bei.